Der Paritätische Wohlfahrtsverband Landesverband Berlin e.V. bezieht mit einem verfassten Positionspapier gemeinsam mit der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Berlin und dem Verband für sozial-kulturelle Arbeit e.V. LV Berlin klar Stellung:
Der Senat kürzt das Landesprogramm „Mobile Stadtteilarbeit“ drastisch
Mit der Veröffentlichung der Vorlage zur Beschlussfassung zum Gesetz über die Feststellung des Haushaltsplans von Berlin für die Haushaltsjahre 2026 und 2027 wurden die drastischen Kürzungen im Landesprogramm „Mobile Stadtteilarbeit“ bekannt.
Das Landesprogramm „Mobile Stadtteilarbeit“ konnte im Förderjahr 2025 mit rund 3.000.000€ 24 Projekte mit multiprofessionellen Teams in den Sozialräumen Berlins realisieren. Hinzu kamen 12 Projekte, welche über das „Infrastrukturförderprogramm Stadtteilzentren“ (IFP STZ) gefördert werden. Ab 2026 stehen im Landesprogramm „Mobile Stadtteilarbeit“ nur noch 706.000€ zur Verfügung. Das bedeutet, 18 Projekte müssen zum 01.01.2026 eingestellt werden!
Dies ist sowohl vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Herausforderungen in Berlin als auch den nachgewiesenen Wirkungen für das Engagement in den Kiezen nicht hinnehmbar. Diese drastische Kürzung im Doppelhaushalt 2026/2027 gefährdet die gewachsenen Strukturen massiv – und ignoriert die belegten, präventiven Wirkungen für die Berliner Stadtgesellschaft.
Was Mobile Stadtteilarbeit bewirkt – nachweislich
Seit 2021 ist die Mobile Stadtteilarbeit ein zentraler Bestandteil der Berliner Stadtteilarbeit. Sie geht direkt in die Nachbarschaften, dorthin, wo Menschen leben, die von anderen Angeboten kaum erreicht werden. Die mobilen Teams wirken mit rund 100 Fachkräften berlinweit in 37 Sozialräumen. Was als Pandemiehilfe begann, ist längst unverzichtbare Ergänzung zur Arbeit der Stadtteilzentren in den Kiezen.
- Erreichen der „Schwer-Erreichten“: Ältere, Alleinerziehende, Menschen in Armut, mit psychischen Belastungen oder mit Sprachbarrieren – sie alle finden im öffentlichen Raum einen ersten Zugang.
- Prävention statt Reparatur: Ob Einsamkeit, Radikalisierung oder Nachbarschaftskonflikte – durch niederschwellige Gespräche, Fokusgruppen, Aktionen und Verweisberatung werden Risiken früh erkannt und bearbeitet.
- Solidarität fördern: Mobile Stadtteilarbeit schafft Verbindung zwischen Gruppen, Generationen und Lebensrealitäten – gegen soziale Spaltung. Durch gemeinsames Handeln im Kiez entstehen neue Formen des Miteinanders und Verantwortungsübernahme – jenseits institutioneller Grenzen.
- Demokratie stärken: Menschen erleben Selbstwirksamkeit im eigenen Kiez. Durch Beteiligung an Nachbarschaftsprojekten wächst ihr Vertrauen in Staatlichkeit und Gesellschaft.
Kürzungen gefährden den sozialen Zusammenhalt
Mobile Stadtteilarbeit ist oft der erste und einzige Kontaktpunkt für Menschen, die sonst keine Zugänge zu institutionellen Angeboten finden: einsame Ältere, psychisch belastete Menschen, überforderte Eltern, Zugewanderte mit Sprachbarrieren oder Menschen ohne Vertrauen in die Politik. Wenn mobile Präsenz und Beziehungskontinuität wegfallen, geht dieser Zugang verloren – mit gravierenden Folgen:
- Vertrauen geht verloren: Viele Nachbarinnen und Nachbarn haben sich durch regelmäßige Präsenz der mobilen Teams erstmals wieder an Unterstützung gewagt. Der plötzliche Rückzug durch Streichung von mobilen Teams wird als Abkehr des Sozialstaats empfunden.
- Engagement bricht weg: Fokusgruppen, Kiezinitiativen oder Selbsthilfeformate benötigen kontinuierlich Ansprechpersonen und Moderation. Ohne Begleitung durch die mobilen Teams verlaufen sie im Sande.
- Zugangswege in Stadtteilzentren und Selbsthilfe fallen weg: Die Mobilen Teams bauen Brücken zwischen Menschen und Einrichtungen wie Stadtteilzentren. Sie erklären, begleiten, motivieren – und senken Schwellen. Ohne diese aufsuchende Arbeit im Quartier bleiben viele außen vor.
- Prävention wird ersetzt durch Krisenintervention: Was mobile Arbeit frühzeitig aufnimmt – Konflikte, Isolation, Radikalisierung – droht ohne sie zu eskalieren und in kostenintensiven Hilfeformen zu landen.
Stadtteilarbeit ist Infrastruktur – keine Projektidee
Die Mobile Stadtteilarbeit ist kein Modellversuch mehr – sie ist in der Stadt verankert. Sie erweitert die „Komm-Struktur“ der Stadtteilzentren um aufsuchende Ansätze und ist damit systemrelevant für eine resiliente Stadt.
Jetzt zu kürzen, hieße, funktionierende Strukturen mutwillig zu zerstören - obwohl sie vielfältig erprobt, wissenschaftlich analysiert und gesamtstädtisch anerkannt sind.
Unsere Forderungen
- Erhalt der Mittel in voller Höhe im Landesprogramm „Mobile Stadtteilarbeit“ über den Doppelhaushalt 2026/27 hinaus.
- Verlässliche Verstetigung als struktureller Bestandteil im Infrastrukturförderprogramm Stadtteilzentren (IFP STZ).
- Keine Verlagerung auf Kernteams: Die Mobile Stadtteilarbeit muss eigenständig finanziert bleiben, da sie über die Kapazitäten der regulären Stadtteilzentren hinausgeht.
- Weiterentwicklung statt Rückbau: Ausbau und langfristige Sicherung der Mobilen Stadtteilarbeit in allen 58 Berliner Prognoseräumen.
Mobile Stadtteilarbeit ist Teil der sozialen Daseinsvorsorge. Sie ist Ausdruck sozialer Demokratie im Alltag – sichtbar, wirksam, menschlich. In Zeiten zunehmender Unsicherheit braucht Berlin mehr davon – nicht weniger.
Die LIGA Kooperationspartner im Infrastrukturförderprogramm Stadtteilzentren und der Verband für sozial-kulturelle Arbeit e.V. LV Berlin fordern das Land Berlin auf: Investieren Sie in stabile Nachbarschaften! Für ein soziales, demokratisches Berlin.
Weitere Infos und das Positionspapier Mobile Stadtteilarbeit als PDF: hier klicken
Für die LIGA Kooperationspartner im Infrastrukturförderprogramm Stadtteilzentren:
Anne Jeglinski
Der Paritätische Wohlfahrtsverband
Landesverband Berlin e.V.
gstb@paritaet-berlin.de
Verband für sozial-kulturelle Arbeit e.V. – Landesverband Berlin
Gökçen Demirağlı
info@vska.de